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02. April 2020 | Gesundheit

Warum werden nicht mehr Corona-Tests durchgeführt?

Die Biomedizinische Analytikerin Bettina Stelzhammer erklärt im Interview mit der „Neuen Freien Zeitung“, warum die Ankündigungen der Regierung kaum umzusetzen sind.

Wer macht eigentlich die Corona-Tests, über die derzeit so viel berichtet und auch gestritten wird? Soll und kann es mehr Tests geben? Und sind Schnelltests sinnvoll? Die NFZ hat darüber mit Bettina Stelzhammer gesprochen. Sie ist eine von österreichweit mehreren tausend Biomedizinischen Analytikerinnen und Analytikern und zudem als „Senior Lecturer“ in der Ausbildung dieses Berufszweigs an der Fachhochschule Salzburg tätig.

Frau Stelzhammer, was genau sind und was leisten Biomedizinische Analytikerinnen und Analytiker?

Stelzhammer: Die wenigsten wissen vermutlich, was BMA überhaupt tun. Es ist aber eine Tatsache, dass nahezu alle ÖsterreicherInnen und Österreicher Leistungen von BMA in Anspruch genommen haben. Ein bekanntes Beispiel dafür wäre die Untersuchung eines Blutbildes oder die Bestimmung von Blutfettwerten wie dem Cholesterin. Bei der Befundbesprechung mit dem Arzt haben Sie sich auf die Richtigkeit der Werte verlassen – und das zurecht! Die Grundlagen und die Bereitstellung für solche Befunde beruht auf der Arbeit der BMA. Wir nehmen somit eine Schlüsselrolle im Gefüge des Gesundheitswesens ein. Wir liefern die entscheidenden Grundlagen für Diagnosefindung und Therapieentscheidung. Wir sind das Auge der Medizin.

Ein scharfes Auge…

Stelzhammer: Richtig! Und ein Auge, das viele Aspekte im Blick haben muss. Unsere Sehfelder heißen etwa Spezifität, sprich festzustellen, ob gesunde Personen tatsächlich gesund sind, und Sensitivität– das ist der Nachweis, ob Kranke wirklich krank sind. Außerdem prüfen wir stets die Validität, also Gültigkeit, und die Plausibilität, also den Wahrheitsgehalt unserer Analysen. Wir arbeiten nach zertifizierten Normen und Vorschriften und kümmern uns um Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung. Das alles sind die Leistungsmerkmale, denen bei jedem Test entsprochen werden muss und die eben nur das Auge der Medizin sieht. Das Studium der BMA stellt dies im Rahmen von erlernten und geprüften Höchststandards in all seiner Komplexität und mit dem letzten Stand der Wissenschaft sicher.

Nachweis des Genmaterials ist der „Goldstandard“

Wie genau laufen die vielen Corona-Tests ab?

Stelzhammer: Es gibt drei Möglichkeiten, das Virus nachzuweisen. Erstens über das Genmaterial des Virus, zweitens über Eiweißstrukturen des Viruspartikels. Diese beiden Möglichkeiten bestehen ab dem Beginn der Infektion. Der dritte Weg führt über die Immunantwort mit eigenen Eiweißstrukturen des Körpers auf das Vorhandensein des Virus. Diese Antwort produziert der Körper jedoch erst drei bis fünf Tage nach dem Erstkontakt mit dem Virus.

Welche Methode ist sie zuverlässigste?

Stelzhammer: Die derzeit sicherste, aber sehr aufwändige Standardmethode kann das genetische Material des Virus nachweisen. Sie ist der Goldstandard des heutigen Wissens und bedient alle geforderten Leistungsmerkmale mit bester Aussagekraft. Das Verfahren nach dieser Methode dauert in der Regel rund vier Stunden.

Schnelltests wiegen Betroffene in trügerische Sicherheit

Daher wohl der Ruf nach den sogenannten Schnelltests. Wie funktionieren die?

Stelzhammer: Die Schnelltests weisen Eiweißpartikel des Virus oder die Eiweißstrukturen der Immunantwort des Körpers nach. Diese Tests erfüllen die Leistungsmerkmale nicht in dem Umfang, wie es der Gennachweis kann, sind daher weniger sicher und können falsch negative Ergebnisse zur Folge haben. Die Ergebnisse liegen im Durchschnitt zwar in einer Stunde vor – aber mit der Aussicht auf falsch negative Ergebnisse, können sich die Patientinnen und Patienten nicht in Sicherheit wiegen. Schneller ist nicht besser.

Aber ist es nicht auch schon etwas wert, wenn ich mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, nicht mit Corona infiziert zu sein?

Stelzhammer: Stellen Sie sich vor, Sie werden auf Covid-19 mittels eines Schnelltests negativ getestet. Mit der guten Nachricht – keine Corona Infektion zu haben – kommen Sie nach Hause und stecken alle Familienmitglieder in kürzester Zeit an. Die Folgen wären dramatisch! Und hätten viele katastrophale Auswirkungen – auf die Familie und das Gesundheitssystem. Innerhalb von wenigen Tagen liegt der Opa auf der Intensivstation. Und als Folge wären noch mehr Tests in Ihrem Umfeld nötig. Das bedeutet doppelte Arbeit, doppelter Zeiteinsatz, doppelte Kosten und eine noch längere Wartezeit für diejenigen, die auch auf einen Test warten. Und darüber hinaus: Die Datengrundlage für die politisch Verantwortlichen wird verfälscht, die Wirksamkeit von Maßnahmen lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen.

Ressourcen immer noch nicht zentral erhoben und zum Teil ungenützt

Aber wie kann es dann gelingen, auf die von Kanzler Kurz versprochene Zahl von 15.000 Testungen pro Tag zu kommen?

Stelzhammer: Einfache Frage, die nur komplex beantwortet werden kann. Es wurde schon in den Medien gesagt, dass bei der derzeitigen Kapazität in einem der größten Labors des Landes mit einer 24-stündigen Auslastung 7 Tage pro Woche es 29 Jahre dauern würde, um alle Österreicherinnen und Österreicher durchzutesten. Daher erscheint es sinnvoll, ein österreichweites Gesamtbild der Ressourcen, des Personals und der Laborausstattung inklusive Arbeitsmittel zu erheben. Mit diesem Wissensstand, dessen Ermittlung unverständlicherweise bislang verabsäumt wurde, empfiehlt es sich, eine zentrale Organisationsstelle einzurichten. Sobald man weiß, wie viele Labors es gibt, wie viele bereits Testungen durchführen, welche Ressourcen derzeit noch ungenützt sind und welche sich für eine Reorganisation eignen würden, wäre der Weg frei für ein professionelles gesundheitsökonomisches Management der Krise. Diese Datenbasis bildet die Grundlage für einen zentral gesteuerten Einkauf und die zielgerichtete effiziente Weiterverteilung an die Labors. Leistungskapazitäten ließen sich dementsprechend präzisieren, Verschwendung oder Fehlleitung von Ressourcen wird dadurch vermieden. Ebenso ließen sich mit diesem Maßnahmenpaket bisher brachliegende Potenziale aktivieren, wie etwa Kapazitäten aus dem Lehrsektor. In der Folge ergibt sich die Möglichkeit, den Testungsumfang wesentlich zu erweitern und eine Datenbasis zur Durchseuchungsrate aufzubauen.

Wie fühlt man sich, wenn die Regierungsspitze eine Leistung einfordert, welche die BMA gar nicht erbringen können aus Gründen, die außerhalb ihres Einflussbereiches liegen?

Stelzhammer: Sie sprechen den ORF-Beitrag darüber an, dass die Vorgabe von 15.000 Tests pro Tag nicht geschafft wird. Das irritiert sehr, zumal die KollegInnen geschlossen ihr Bestes geben und wir ungerechtfertigten den „Schwarzen Peter“ abbekommen. Für mich persönlich demotivierend.

Rund 10.000 Tests für repräsentative Stichprobe nötig

Die Regierung hat jetzt den Vorschlag von FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl aufgegriffen, eine repräsentative Gruppe aus der Bevölkerung zu testen, um einen Überblich über die tatsächliche Ausbreitung des Virus zu bekommen. Wir groß müsste Ihrer Ansicht nach eine solche Stichprobe sein und wäre das mit den derzeitigen Kapazitäten bewältigbar?

Stelzhammer: Dazu braucht man statistische Berechnungsmodelle. Diese weisen – je nach Methode und Voraussetzung – eine Stichprobengröße von annähernd 10.000 Probanden aus. Die dafür geeigneten Covid-19 Enzym-Antikörpertests sind voraussichtlich in wenigen Wochen am Markt, aber derzeit noch nicht erhältlich. Da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Die Regierung beruft sich oft auf die Einschätzung von Experten. Sind auch Experten aus Ihrer Berufsgruppe im Krisenstab vertreten?

Stelzhammer: Meines Wissens nicht. Und das muss sich ändern!

Dreistufiges Testverfahren benötigt viel Zeit

Können Sie uns technisch ganz kurz erklären, was bei den Tests geschieht und warum es vier Stunden bis zu einem Ergebnis dauert!

Dem Patienten werden mittels eines Abstrichtupfers Zellen aus dem Nasen- und Rachenraum entnommen. Der strengen Hygienevorschrift gemäß, kommt der Abstrichtupfer unmittelbar in das vorgesehene Kunststoffröhrchen, das mit einer Pufferlösung befüllt ist. Das Röhrchen gelangt auf kürzestem Weg ins Labor. Nach einer Eingangskontrolle durch die BMA (Personendaten, Qualitätsmerkmale) beginnt das eigentliche Testverfahren.
Schritt 1: 
Das Genmaterial des Virus wird aufwändig gewonnen. Je nach Verfahren kann dieser Vorgang bis zu eineinhalb Stunden in Anspruch nehmen.
Schritt 2: Das gewonnene Material (Eluat genannt) wechselt in den sogenannten MasterMix-Raum, wo es mit einer Reihe von Substanzen zusammengemischt wird. Während dieses etwa 45 Minuten dauernden Schrittes herrscht großes Kontaminationsrisiko. Allerhöchste Sorgfalt ist geboten! Der im MasterMix hergestellte PCR-Ansatz (Polymerase chain reaction) wird bestenfalls gekühlt in den „Detektionsraum“ gebracht.
Schritt 3: Die PCR-Ansätze kommen in den Realtime-Cycler, der in einem Zeitraum von etwa eineinhalb Stunden in wiederkehrenden Temperaturzyklen die genetische Information des Virus vermehrt, sichtbar und somit messbar macht.
Die Zeitangaben gelten nur für den Idealfall, wenn alles zu 100 Prozent nach Plan läuft. Im Anschluss erfolgt die Erstellung des Befundes, für die ebenfalls ausreichend Zeit veranschlagt werden muss.

Einige Labors arbeiten derzeit rund um die Uhr

Sie haben das hohe Kontaminationsrisiko angesprochen. Gibt es für die BMA ausreichend Schutzausrüstung, und wie sind derzeit generell die Arbeitsbedingungen?

Stelzhammer:  Zu den Schutzausrüstungen habe ich keine konkreten Aussagen von Kolleginnen und Kollegen vernommen. Ich gehe davon aus, dass in diesem Bereich die Versorgung ausreichend ist. Die Arbeitsbedingungen werden österreichweit je nach Bedarf angepasst. Es gibt Labore, in denen sich das Hauptteam in kleinere Teams aufteilt, die den Dienstplan nacheinander antreten. Sollte eine oder ein BMA währenddessen an Corona erkranken, muss nur das kleine Team in Quarantäne geschickt werden, während die anderen einsatzfähig bleiben. Es wurden zum Großteil die Dienstzeiten ausgeweitet, einige Labors arbeiten seit der Krise rund um die Uhr. Die Gesamtbelastung ist in kürzester Zeit eklatant gestiegen.

Gab es für die BMA schon einmal eine Phase, die von der Arbeitsbelastung her mit der jetzigen vergleichbar war?

Stelzhammer: Erinnern wir uns an das Jahr 2009. Da gab es eine Pandemie mit dem Schweinegrippevirus, der Influenza A Virus Subtyp H1N1. Die hat uns damals eine spürbar höhere Testanforderungszahl beschert, ist aber nicht mit der jetzigen Krise vergleichbar.

 

Eine gekürzte Version dieses Interviews findet sich in der „Neuen Freien Zeitung“, Ausgabe vom 2. April 2020.


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