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19. Mai 2020 | Wirtschaft

"Zu sehr an die Bürokratie gedacht, aber viel zu wenig an die Unternehmen"

Der Bundesobmann der Freiheitlichen Wirtschaft (FW) und Wirtschaftskammer-Vizepräsident Matthias Krenn im NFZ-Interview über scharfe Kritik an den Corona-Maßnahmen sowie an den Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung.

Herr Bundesobmann, seit Freitag darf die Gastronomie wieder ihrer Arbeit nachkommen. Haben Sie schon Rückmeldungen, welche Erfahrungen die Wirte mit dem „Corona-Service“ gemacht haben?

Krenn: Sowohl beim Handel, als auch bei der Gastronomie ist der erhoffte Ansturm an den ersten Öffnungstagen ausgeblieben. Viele Konsumenten haben zwar mit höherer Mobilität ihre wiedererlangten Freiheiten genossen, sich aber beim Geldausgeben zurückgehalten. Den Wirten fehlen die Einnahmen des Oster- bzw. Muttertagsgeschäftes und vor allem in Wien und den Landeshauptstädten die ausländischen Touristen. Die Einhaltung der Abstands- und MNS-Regelungen sowie Hygienevorschriften werden von den Mitarbeitern und den Gästen umgesetzt und eingehalten, auch wenn sie unnötigen Mehraufwand darstellen.  

Die Hotellerie muss noch zuwarten. Was bedeutet es für einen Hotelier wie Sie, dass Sie drei Monate schließen mussten und erst Ende Mai aufsperren dürfen?

Krenn: Hoteliers sehen das Hochfahren ihrer Betriebe mit gemischten Gefühlen. Heimische Gäste werden das Fernbleiben ausländischer Touristen kaum kompensieren können. Mit minimalster Auslastung kann ein Hotel nicht in den Vollbetrieb zurück wechseln, ohne noch tiefer in rote Zahlen zu rutschen. Daher braucht es ein maßgeschneidertes Konjunkturpaket, „Österreich-Gutscheine“ als Konsumanreiz und zumindest eine Aufhebung der europäischen Reisebeschränkungen.   

Welche Auswirkungen befürchten Sie durch die Corona-Krise und die „Hilfspakete“ der Bundesregierung für die heimischen Tourismusbetriebe?

Krenn: Grundsätzlich hat man mit den Gesetzen an den Interessen aller Unternehmer vorbei agiert. Die Beibehaltung des Epidemiegesetzes hätte nicht nur alle Verluste abgedeckt, sondern viel Ärger, Bittsteller-Bürokratie, Verordnungs-Wahnsinn und Arbeitsplatzvernichtung erspart. Viele Betriebe haben ihre finanziellen Reserven aufgebraucht, warten vergeblich auf die zugesagten Gelder der Hilfspakete Generell spüren die Betriebe der Tourismus- und Freizeitwirtschaft die Corona-bedingten Einschränkungen am härtesten, da diese Dienstleistungen nicht ausgelagert werden können. Der Hotellerie fehlen neben den internationalen Gästen die Einnahmen aus dem Seminar- und Konferenzbereich. Die Absagen aller Kulturveranstaltungen wirken sich nicht nur auf die Veranstaltungsbetriebe existenzbedrohend aus, sondern belasten auch auf Gastronomie- und Hotelbetriebe im Einzugsgebiet. Auf die Nachtlokale wurde komplett vergessen, und für viele Kino-, Kultur- und Freizeitbetriebe sowie Reisebüros und Busunternehmer kommt das Hochfahren erst mit Anfang September definitiv zu spät.

Welche Maßnahmen müsste die Bundesregierung aus der Sicht eines Praktikers sofort umsetzen, damit die Tourismuswirtschaft die Durststrecke 2020 einigermaßen heil übersteht?

Krenn: In der Schweiz wurden zur Bewältigung der Corona-Krise binnen 24 Stunden bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes unbürokratisch an die Unternehmer ausbezahlt, und zwar von den Finanzämtern, wo alle Unternehmer-relevanten Daten zusammenlaufen. Wir fordern daher auch in Österreich eine Umstellung auf eine Direktabwicklung durch die Finanzämter, Neuberechnung mit bereits getätigten Maßnahmen, sofortige Auszahlung an die Unternehmer und Verlängerung aller Stundungen bis zum Ende des Jahres. Damit verschafft man den Unternehmern Luft zum Atmen und den Regierungsexperten wertvolle Zeit für die Erarbeitung zielführender Konjunkturmaßnahmen, die bereits mit Anfang Juli in Kraft treten könnten. Wir brauchen rasche Lösungen! Wir Freiheitlichen haben – anders als die Bundesregierung – bereits in der zweiten Schließwoche ein umfassendes „Post-Corona-Konjunkturpaket“ vorgestellt, das, ergänzt mit dem „Österreich-Gutschein“, den Konsum und den Wirtschaftskreislauf ankurbeln soll.


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